Fans an die Macht?

Mitbestimmung und Online-Demokratie als Strategien der Fangewinnung

Die vielfältigen Kommerzialisierungsprozesse im Fußball haben dazu geführt, dass viele der traditionellen Fans sich zunehmend ausgenutzt, entfremdet und machtlos fühlen. Die Vereine benötigen die Fans zwar für die Stimmung im Stadion sowie als Einnamequelle. Jedoch verwehren sie ihren Fans die Möglichkeit, Einfluss auf die Geschicke des Vereins, auf wirtschaftliche, politische oder sportliche Entscheidungen zu nehmen. Dieser „Machtlosigkeit" der Anhänger und Fans versuchte das im Sommer 2008 gestartete Projekt www.deinfussballclub.de in einen radikalen Alternativentwurf gegenüberzustellen.

Bei dem Projekt handelte es sich um eine Kooperation zwischen der deinfussballclub.de DFC GmbH und dem Traditionsclub SC Fortuna Köln e.V. Ziel war es, den Fans weitreichende Mitbestimmungs- und Partizipationsmögklichkeiten zu gewähren, indem sie über zentrale Belange des sportlichen wie auch ökonomischen Managements basisdemokratisch abstimmen konnten. Dazu wurde die zu Beginn der Kooperation lediglich in der NRW-Liga spielende erste Mannschaft von Fortuna Köln wurde aus dem Stammverein herausgelöst und in eine gemeinsam gegründete Spielbetriebs GmbH überführt, deren Anteile zu 51% dem SC Fortuna Köln e.V. und zu 49% der deinfussballclub.de DFC GmbH gehören. Für einen Jahresbeitrag von 39,95 € (wovon 30 € direkt an die Spielbetriebs GmbH fließen) können die Fans Mitglied bei deinfussballclub.de werden. Im Gegenzug wurden ihnen – wie in keinem anderen Verein – große Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten eingeräumt, d.h., die Fans sollten über zentrale Aspekte des Clubmanagements, also auch über sportliche und wirtschaftliche Fragen, in demokratischer Form entscheiden. Diese Entscheidungen sollten dann von der Spielbetriebs GmbH direkt umgesetzt werden. Das zentrale Kommunikationsmedium bildete die Internetplattform www.deinfussballclub.de, die es ermöglichte, dass Zehntausende von Personen ortsunabhängig miteinander kommunizieren und gemeinsam Entscheidungen treffen.
Das Projekt hatte am Anfang des Jahres 2009 bereits über 12.000 Teilnehmer, 2010 lag die Mitgliederzahl noch bei gut 10.000, 2011 ging sie auf 7.300 zurück. Am 12. Januar 2012 wurde das Kernelement des Projekts – die Online-Abstimmungen eingestellt. Die Idee der „Fußballdemokratie pur" kann in diesem Fall nach gut drei Jahren und über 150 Abstimmungen als gescheitert angesehen werden.

Angesichts dieser Entwicklung war die zentrale Fragestellung des Forschungsprojekts zu modifizieren. Statt der anfänglichen Frage, wie es deinfussballclub.de gelingen kann, langfristig seine Mitglieder zu gewinnen und zu binden, verschiebt sich nunmehr der Forschungsschwerpunkt hin zur Analyse der Bedingungen des Scheiterns von deinfussballclub.de.

Das Besondere an diesem Fall ist zum einen, dass hier ein Wirtschaftsunternehmen scheinbar mehr Demokratie wagt, als es in den meisten Sportvereinen üblich ist, welche ja oftmals als Schulen der Demokratie bezeichnet werden. Es wird daher aus organisationssoziologischer wie auch demokratietheoretischer Perspektive analysiert, inwieweit ein Unternehmen – auch mit Blick auf seine Zielsetzungen – seine Entscheidungsprozesse demokratisch organisieren kann. Zum anderen erfolgten diese demokratischen Entscheidungsprozesse – sowohl die Meinungsbildung als auch die Abstimmungen selbst – im Medium der Online-Kommunikation. Insofern wird untersucht, inwieweit das Medium Internet sich als demokratietauglich erweist und ein Potenzial zu mehr Bürgerbeteiligung birgt.